Dienstag, 6. September 2011

Und irgendwann musst Du nach…


Nein – nicht was du denkst...

Irgendwann musst Du nach - CHAMONIX

Irgendwann musst Du diese unglaubliche Stimmung spüren, die über dieser Stadt liegt. Diese Faszination, wenn Du den gigantischen weißen Riesen siehst. Das Gefühl, einer von knapp 6000 Verrückten zu sein, die einen der 4 Läufe in Angriff nehmen. Das Kribbeln am Start. Die Hochs und Tiefs während der ca. 40 Stunden auf Deinem Weg rund um den Mont Blanc. Die begeisterten, freundlichen Menschen überall an der Strecke. Die unzähligen ‚Bravo‘, ‚bon courage‘ und ‚bonne chance‘ Rufe. Der unglaublich emotionale Zieleinlauf wenn du es geschafft hast. Die jubelnden Menschen, die laute Musik, Familie und Freunde die auf Dich warten. Die Freude, die Weste überzustreifen, auch wenn die Farbe noch so hässlich ist. Wildfremde Menschen, die Dir mitten auf der Straße gratulieren. Das Gefühl abends im Bett zu liegen, mit schmerzenden Muskeln und dem Bewusstsein, etwas ganz besonderes in Deinem Leben geschafft zu haben.

Ja, irgendwann musst Du nach Chamonix.

Mein Erlebnis Chamonix begann am Donnerstag vor dem Lauf. Nachdem ich mich am Vortag um 21:00 klammheimlich von der Feier zum 70. Geburtstag meiner Mutter verdrückt hatte, brachen Antje und ich um 10:00 auf. Bei grandiosem Wetter kamen wir gegen 17:00 in Chamonix an und bezogen unser Hotel. Besser als mit dem Hotel Clocher hätten wir es kaum treffen können. OK, kein Luxushotel, das Zimmer war unterm Dach, 2 steile Treppen hinauf und die Türen nur etwa 1,70m hoch. Aber das Hotel ist wirklich schnuckelig, mit familiärer Atmosphäre und zu einem vernünftigen Preis. Und – es liegt etwa 250 m von Start/Ziel entfernt. 

Da wir noch aus dem letzten Jahr wussten wie viel bei der Registrierung los war, machten wir uns gleich auf den Weg und wurden positiv überrascht. Keine Schlange, ruck zuck wurde ich durch das bestens organisierte Prozedere geschleust. Für jeden Handgriff ist ein anderer Posten zuständig, so dass der Ablauf sehr schnell funktioniert. Ausweis und 20 Euro – Pfichtausrüstungskontrolle – Chipausgabe und Rucksackkennzeichnung – Chipbefestigung – Startnummer – DropBag und Müllbeutel – T-Shirt – und raus.

Somit hatten wir genug Zeit, uns auf der Messe umzuschauen. Ein paar leichtere Stöcke standen auf meiner Einkaufsliste ganz oben. Wie geplant wurde ich bei Komperdell fündig. Desweiteren kauften wir ein natürlich einen Buff und ein paar Andenkenshirts. Mit dem Bewusstsein, dass ich die alle würde verbrennen müssen, sollte ich Sonntag nicht ins Ziel kommen. Doch nur wer wagt gewinnt. Nachdem alle Dinge erledigt waren begaben wir uns zum Runnersworld-Ultra-Forums-Treff. Unterwegs sammelten wir noch Tom Siener ein, der mit uns schon den Rheinburgenweglauf bestritten hatte. In der Pizzeria war schon jede Menge los. Das Kobolt Organisationstrio Micheal, Andreas und Stefan, KUT-Macher Eric, HaPe Gieraths u.v.a waren schon da. HaPe hatte dieses Jahr so ziemlich das gleiche Vorbereitungsprogramm wie ich. Von RBW-Lauf über KUT, Zugspitzultratrail und Chiemgauer 100 war er bei fast all meinen Vorbereitungsläufen dabei.

Eric sorgte bei mir gleich für ein erstes Stimmungstief, nachdem er mich über die letzten Wettervorhersagen in Kenntnis setzte. Start im Regen, Schnee ab 1800 m, Dauerregen die erste Nacht. Na klasse. Eigentlich unglaublich bei dem Wetter, das noch herrschte. Erinnerungen ans Vorjahr wurden wach. Nach einer Pizza und 2 Bier für je €7.70 machten wir uns auf den Weg ins Hotel. Ich musste mich ja noch um meinen zwickenden Oberschenkel kümmern, der mir immer noch große Sorge bereitete. Außerdem musste ich ja anfangen, aufgrund der Wettervorhersage meine Sachen neu hin- und her zupacken. Eine Tätigkeit, die ich am nächsten Tag noch etwa 5 mal wiederholen sollte. 

Am nächsten Morgen herrschte weiterhin ein Traumwetter. Zunächst begaben wir uns zum Frühstück in den Keller des Hotels. In Mitten eines kleinen, gemütlichen  Raumes stand die Wirtin an einer Kaffeemaschine, verteilte Kaffee und plauderte mit allen Anwesenden quer über alle Tische. Urgemütlich, vor allem, wenn man französisch verstünde.
Nach dem Frühstück gingen wir ein bisschen Atmosphäre schnuppern und schauten uns die TDS-Ankömmlinge an. Sehr bewegend. Vor allem werde ich in Zukunft immer, wenn ich ‚Fluch der Karibik‘ sehe, an diesen Einlauf denken müssen. 

Zu diesem Zeitpunkt verbreitete sich schon hartnäckig das Gerücht, der Start des UTMB würde verschoben werden. Beim Blick nach oben weiterhin kaum denkbar. Als wir zurück zum Hotel gingen, trafen wir 2 Franzosen, die bereits eine entsprechende SMS vom Veranstalter bekommen hatten. Rennen verschoben, Lauf auf 157 km und 8500 hm verkürzt, Tete aux Vents nicht zugänglich. Mist. Nicht die volle Distanz? Da müsste ich ja nächstes Jahr wieder kommen. Wir machten uns auf den Weg zur Info, um zu erfahren, was denn los sei und vor allem, warum ich keine SMS bekommen hatte. Dort konnte man uns die Änderung bestätigen, warum ich (und die vielen anderen die da rumstanden) keine SMS bekommen hatte, wusste man auch nicht. Muss an unseren Providern liegen. Haha, immer die anderen. Aber um 11:51 bekam ich ja dann auch offiziell Bescheid. Jetzt hieß es den Tag neu planen. Start nicht um 18:30 sondern um 23:30, da konnte man sich nochmal richtig hinlegen und schlafen. Danach noch ein Abendessen. Eigentlich gar nicht schlecht, wenn die angekündigte Schlechtwetterfront nicht gewesen wäre. 

Wir beehrten nochmal die Pizzeria, dieses Mal ohne Bier, danach legte ich mich ein paar Stunden auf’s Ohr. Zwischendurch ging ich wieder ein bisschen zum TDS Finish. Dort traf ich auf Klaus, der nach knapp 31 Stunden glücklich im Ziel einlief und Walter, der nach seiner sehr unglücklichen Vorbereitung leider schon nach ein paar Stunden abbrechen musste. 

Pünktlich um 17:00 begann der Himmel sich zu verdunkeln, kurz danach setzte der angekündigte Regen ein. Zunächst nur ein bisschen dann immer heftiger. Kalt wurde es noch dazu. Ich schlief noch bis 20:00, dann Abendessen und weiteres umpacken. Gegen 22:00 brachte ich meinen DropBag ins Centre Sportif und stellte fest, dass es saukalt geworden war. Daher beschloss ich, in voller Montur loszulaufen, sprich ¾ Tights, Regenhose, Skins langarm, Regenjacke, Handschuhe, Mütze. Dazu die Salomon Gore Tex Schuhe. 

Am vereinbarten Treffpunkt waren nur Michael, sowie die zuschauenden Sanne, Alex und Georg zu finden. Von den anderen hatte wohl keiner Lust früher als nötig vor die Tür zu gehen.
Wir stellten uns hinten an und betrachteten uns das Treiben noch ein bisschen, bevor ich mich verabschiedete, um mich ins Getümmel zu stürzen und die Atmosphäre aufzusaugen. Ich wurde so langsam mächtig nervös, mein Oberschenkel zwickte noch immer und ich war mir nicht sicher wie lange er halten würde. Dann wurde es langsam ernst. Die Vangelis-Musik wurde immer lauter, die Anspannung immer grösser und endlich ging es los. Loslaufen, stocken, stehen bleiben, dann wieder loslaufen, gehen, stehen, dann war endlich ein langsames Laufen möglich. Dabei Ohren betäubender Jubel der Zuschauer, die im strömenden Regen ausharrten. Unglaublich, nachdem ich mich Monatelang mental auf diesen Moment vorbereitet hatte, war es nun tatsächlich soweit. Ich rannte erst mal durch die Menge, wie in einem Film. Oder besser, wie in einem Youtube-Video.

Die ersten flachen 8 km ähnelten einem typischen Marathon. Diejenigen, die ihrer Meinung nach zu weit hinten gestartet waren, versuchten, durch kurze Sprints Boden gut zu machen. Für mich aufgrund der Tatsache, dass wir alle um die 40 Stunden Lauf vor uns hatten etwas verwunderlich. Ich konzentrierte mich darauf, nicht zu stürzen und hörte immer wieder in meine Muskeln hinein. Leichtes Ziehen hinten links, aber sonst alles O.K. 

Der erste Anstieg über Delevret zog sich noch recht angenehm über breite Wege hinauf, auf denen sich die Menge noch einigermaßen verteilte. Ich war zum dem Zeitpunkt mehr mit meiner Kleidung beschäftigt. Die Kapuze war mir zu warm, aber ohne Kapuze lief mir der Regen in den Nacken. Die Handschuhe wurden nass, dadurch die Hände ziemlich kalt. Stand da nicht was von wasserdichten Handschuhen in der Pflichtausrüstung? 

Nach dem ersten Gipfel ging es steil bergab nach St. Gervais zum ersten großen Verpflegungs- und Cut-off Punkt. Hier herrschte, trotz der späten Stunde und des immer noch anhaltenden Regens, Volksfeststimmung.

Ab St. Gervais führte der Weg nun stetig bergauf, zunächst nicht so steil über Les Contamines, dann, immer steiler werdend, über La Balme hinauf zum Col du Bonhomme auf 2443 m. Der Regen ließ so langsam nach, kalt war es immer noch. Kurz nach Sonnenaufgang erreichte ich, nach einem harten letzten Anstieg, den ersten hohen Gipfel. Trotz des kalten Windes ein Moment zum innehalten. Zum ersten Mal ließ sich der Himmel blicken und man konnte die Dimensionen dieses Bergmassivs erahnen. Von meinen Oberschenkelproblemen war inzwischen nichts mehr zu spüren. Wie geplant hatten sie sich nach 4-5 Stunden verflüchtigt. Dafür fing jetzt der Spann meines rechten Fußes an, mir Sorgen zu machen. Durch den ständigen Druck der Lasche beim Bergablaufen fing dieser immer mehr an zu Schmerzen. Ich fing an, beim Bergablaufen den Schuh zu öffnen, um den Druck zu nehmen. Eine Maßnahme, die der Laufstabilität nicht gerade zuträglich ist.

Nach dem knapp einstündigen Abstieg gelangte ich an den Verpflegungspunkt Chapieux bei km 50. Hier ließ ich mir etwas Zeit, füllte den Peroninspeicher in meiner Flasche nach und aß eine Kleinigkeit. Am Ausgang der Verpflegungsstation wurde nochmal stichprobenartig die Pflichtausrüstung kontrolliert. Von jedem Teilnehmer ein Teil. Von mir das Handy.

Danach folgte der Aufstieg zum Col de la Seigne. Zunächst wieder mäßig steil, auch mal über Asphaltwege, dann immer steiler und immer trailiger. Mit jedem Höhenmeter wurde es kälter und schwieriger. Ich musste meinem etwas hohen Anfangstempo an diesem Anstieg Tribut zollen und öfters mal stehen bleiben, um durchzuatmen. Auf den letzten 100 hm kam noch ein ordentlicher Schneesturm hinzu. Wie froh war ich, meine Pflichtausrüstung dabeizuhaben. Besonders die Kapuze an der Jacke, über die ich so gemeckert hatte, habe ich lieben gelernt. Auf dem Gipfel war es extrem windig und der Schneesturm umso heftiger, so dass leider keine Zeit blieb, den Ausblick zu genießen. Schnell machte ich mich an den Abstieg hinunter nach Lac Combal. Am dortigen Verpflegungspunkt traf ich Christoph aus Wien, mit dem ich schon beim ZugspitzUltraTrail vom letzten Gipfel abgelaufen war. 

Und hier „gewann“ ich eine Stunde! Ich war mit Antjes Uhr gelaufen, weil ich meine nicht gefunden hatte. Ich hatte aber die Stoppuhr nicht eingeschaltet und auch mehrere Stunden nicht auf die Uhr geschaut. Als ich in der Nacht das erste Mal nachschaute, war ich doch recht enttäuscht dass ich so langsam war. Nun sagte Christoph, wir wären doch gut in der Zeit, 3 Stunden vom Cut-Off entfernt. Ich sagte, es wären doch nur zwei und fand heraus, dass meine Uhr um eine Stunde falsch ging. Prima eine Stunde in einer Minute gewonnen. Gut, dass es nicht umgekehrt war. Als ich mich auf der Bank umdrehte, saß auf einmal auch Benno Hellwig dort, der mit uns beim Rheinburgenweglauf gelaufen ist. Wie klein die Welt doch ist.

Den nächsten Anstieg nahm ich etwas ruhiger in Angriff.  Ich ließ mich nicht mehr von anderen irritieren und marschierte in meinem  Tempo kontinuierlich nach oben. Auf dem Mont Favre angekommen schaute ich mich um und sah, dass ich etwa 10 Läufer hinter mir hatte. Mein ruhiges Tempo war anscheinend gar nicht so schlecht. Es folgte ein langer, rasanter Abstieg nach Courmayeur über den Col Checrouit. Die Aussicht auf den DropBag, trockene Kleidung, einen Schuhwechsel und nicht zuletzt darauf, dass Antje dort warten wollte, verlieh mir Flügel. Gerne hätte ich mir in Checrouit eine Portion Nudeln gegönnt. Doch meine Nachfrage, ob es sich um Eiernudeln handele, erntete großes Staunen. Alle Nudeln seien schließlich mit Ei. Das ginge gar nicht anders. Ich ersparte mir eine Diskussion über Lebensmittelkunde in meinem mangelhaften Französisch und genehmigte mir stattdessen ein Brot mit Käse und Salami. Und weiter ging’s.

In Courmayeur endlich der erste große Schnittpunkt. Sozusagen Halbzeit, 78 km und 4400 h hatte ich hinter mir, 14.5 Stunden war ich jetzt unterwegs. Der rechte Spann schmerzte und ich freute mich auf die leichteren, weicheren Salomon.
Im Supportbereich wartete schon Antje, sichtlich erleichtert, mich gesund und munter zu sehen. Der DropBag wurde mir direkt angereicht, anscheinend werden direkt die Startnummern gefunkt, sobald ein Läufer aus dem Wald kommt. In den eigentlichen Verpflegungsbereich durften Begleiter leider nicht mit hinein. Ich ging also allein hinauf und machte mich über meinen DropBag her. Ich musste mich schwer konzentrieren, alles zu erledigen, was ich mir vorgenommen hatte. Batterien wechseln, Schuhe wechseln, Verpflegung nachfüllen, trockene Kleidung anziehen, Apfelmuss und Stuten essen,… 

Hier erreichte mich auch per SMS die Meldung, dass die Strecke wieder geändert wurde, jetzt auf 170 km und 9700 hm, Bovine nicht zugänglich, statt dessen von Champex runter ganz nach Martigny und über Trient wieder auf die Strecke. Was uns einen geschätzten 1000 h Anstieg bescherte, wie ich mir von HaPe erklären ließ, den ich hier traf. Auch Christoph saß auf einmal wieder an meinem Tisch und war ‚begeistert‘ über die Neuigkeiten. Nach etwa 40 min machte ich mich wieder auf den Weg, sprach draußen noch kurz mit Antje und brachte sie auf den neuesten Stand. Inzwischen war bestes Wetter, man könnte fast sagen, zu gut denn die Sonne knallte gleich heftig. 

Direkt hinter Courmayeur folgte ein heftiger Anstieg durch den Wald zum Refuge Bertone. 789 hm auf 4,7 km. Ich blieb bei meiner Taktik des langsamen, kontrollierten Anstieges. Die 12 km quer rüber nach Arnuva sahen auf dem Papier doch wesentlich leichter aus. Das ständige hoch und runter war doch recht zermürbend und ermüdend, so dass ich für die Strecke tatsächlich, inklusive Pause in refuge Bonatti, 3 Stunden benötigte. Um 19:00 machte ich ich in Arnuva auf den Weg zum letzten grossen Anstieg des Tages auf den Col Ferret. Weitere 768 hm auf 4,3 km. Ein extrem, schwieriger, immer steiler werdender, nicht enden wollender  Anstieg. Darüberhinaus wurde am Gipfel das Wetter wieder schlechter, Nebel zog auf. Als ich nach knappm 2 Stunden endlich oben war, brach die Dunkelheit ein, der Nebel wurde immer dichter. Es folgte ein Abstieg im dichten Nebel. Ich war sehr froh mich an eine Gruppe von 3 Läufern anhängen zu können, so dass ich nicht alleine den Trail und die Streckenmarkierungen suchen musste. Diese waren aber aufgrund der Reflektoren noch recht gut zu sehen. Der Abstieg wollte und wollte nicht enden. Nach etwa 2 Stunden, so etwa gegen 22:00 wurde ich etwas dusselig im Kopf und setzte ich kurzerhand für 5 Minuten an den Streckenrand. Ein Engländer, ähnlich geschafft, gesellte sich zu mir. Mit ihm machte ich mich auf den weiteren Weg hinab nach La Fouly bei km 110. Dort angekommen, beschloss ich, entgegen ursprünglicher Planungen etwas zu schlafen. Auch meine Schultern brauchten etwas Ruhe, die Muskulatur war vom Rucksack tragen völlig verspannt. Ich setzte mich also an einen Biertisch und legte für den Kopf auf den Tisch und schloss die Augen. Nach 20 Minuten fühlte ich mich wesentlich besser und machte mich nach eine kleinen Imbiss auf den Weg nach Champex.

Teils in leichtem Trab, teils aufgrund des Gerölls im Schritttempo ging es zunächst über einen längeren Zeitraum bergab. Dann endlich, nach ca. 8 km kurz hinter Praz de Fort begann der Anstieg nach Champex. Dieser war schwieriger als ich dachte. Auf dem Papier sah das aus wie ein kleiner Hügel, aber Champex wollte und wollte nicht näher kommen. Nach einer guten Stunde Anstieg durch den Wald, hatte ich es endlich erreicht. Hier war richtig Partystimung mit Musik zum Einlauf. Im Zelt gab es auch einen abgetrennten Bereich für Begleiter. Wie schon in Fouly wunderte ich mich über die vielen Frauen, die sich hier um ihre bekloppten Männer kümmerten und sie verhätschelten. Hatten die kein Bett? Nach einem weiteren erfolglosen Versuch, die Zusammensetzung der Nudeln zu erfahren, beschloss ich, auch hier nochmal die Methode des 20 Minutenschlafes zu erproben. Dieses Mal wählte ich eine der Matrazen. Decke über den Kopf, Augen zu. Nach 20 Minuten weckte mich meine innere Uhr zum Aufbruch. Viele Läufer schienen sich hier auf eine längere Pause einzustellen. Klar, wenn die Verwandschaft da ist. Aber ich wollte nicht länger bleiben. Ich dachte mir, besser wird es nicht und die Muskeln werden eh nur hart vom rum liegen. 

Also nahm ich den langen Abstieg nach Martigny in Angriff. Ein Teilstück, dass ich im Nachhinein als mit das schlimmste einschätze. Zum einen, weil aufgrund der geänderten Streckenführung nun mein mitgeführtes Profil und meine Zeitabellen nicht mehr stimmten und ich nicht mehr wusste was auf mich zu kam, zum anderen, weil dieser Abstieg einfach nicht enden wollte. Am Anfang noch gemütlich auf breitem Forstweg, ging es bald auf schmalen Trails hinab…und hinab…und hinab. Ich dachte irgendwann, wir müssten doch auf Seehöhe angekommen sein. Schliesslich, nach einer halben Ewigkeit, kamen wir in ein Dörfchen, dass wahrscheinlich jeder, so wie ich, für Martigny hielt. Und demnach den Anstieg auf der anderen Seite für den nächsten grossen Berg. Weit gefehlt. Nach ein paar hundert Höhenmeter und ein paar km quer ging es auf einmal wieder steil bergab, noch weiter nach unten, bis wir dann endlich in Martigny waren. Die Sonne war inzwischen aufgegangen der Himmel war strahlend blau und man konnte schon ahnen: Das wird noch mächtig heiss heute.
In Martigny beim ca. km 135 machte ich einen grossen Denkfehler. Ich wusste, wir müssen von Martigny nach oben nach Trient, ca. 400 hm, und dann weitere 6-700 hm auf den Catogne. Nun sah ich vom Verpflegungspunkt aus einige Häuschen im Berg liegen und bildete mir ein, das müsse doch Trient sein. 

Ich weiss, Eric, Laktat macht blöd. Wir stiegen also von Martigny durch das imaginäre Trient und von dort immer weiter steil bergauf. Ein klein bißchen wunderte ich mich, dass in Trient keine Verpflegung war, schob das aber einfach auf die Streckenverschiebung. Ich stieg also den Berg langsam hinauf, bis ich oben, nach etwa 90 Minuten, an einem Restaurant ankam. Von dort ging es nur noch bergab. Auf einmal war ich völlig aufgeregt. War es das schon? Hhm? Trient war ich, Gipfel war ich, jetzt bergab, dann muss das da unten Vallorcine sein und bald bin ich im Ziel. Dachte ich, rannte wie ein Irrer den Berg hinunter und landete in – Trient. Im Verpflegungszelt war meine Verwirrung dann komplett. Ich glaubte zunächst an etwas wie eine Doppelverpflegung. Aber andererseits war morgens ja keine in Trient. Hatten wir die übersehen? Ich klagte einem Kontrollposten mein Leid. Ich sei schon mal hier gewesen und müsste jetzt nur noch nach Chamonix. Die waren wirklich sehr nett und haben nicht den Arzt gerufen, sondern mir gesagt, ich solle weiterlaufen. Also rannte ich in Richtung Vallorcine, dachte natürlich nicht, dass da noch irgendein steiler Berg kommen könne und sprintete in den Wald hinein. Bis mich nach etwa 150 hm die Realität einholte. Ich fragte noch ein paar Mitläufer, dann wurde mir das ganze Ausmass meiner geistigen Verwirrung klar. Was 35 Stunden ohne Schlaf doch aus einem machen können. Also schaltete ich wieder 2 Gänge zurück und quälte mich den Catogne hoch. Es wurde immer heisser, doch aus Faulheit holte ich nicht meine Kappe aus dem Rucksack. Ein Fehler, wie sich später heraus stellte. Gegen Mittag kam ich endlich am Gipfel an. Jetzt kam langsam auch die Euphorie wieder. „Nur“ noch runter und dann von Vallorcine nach Chamonix. Doch auch dieser Abstieg dauerte lange und führte über weite Strecken durch die pralle Sonne. Ach ja, ich hatte natürlich in Trient auch meine Flaschen nicht aufgefüllt. Schliesslich war ich ja schon fast im Ziel. 

In Vallorcine angekommen hatte ich noch gut 2 Stunden bis zur 40 Stunden Marke und bildete mir ein, das locker schaffen zu können. Allerdings war die Hitze im Tal wirklich drückend, so dass ich Angst vor einem Kreislaufkollaps bekam auch wenn ich jetzt meine Kappe auf hatte. Auch war die Strecke viel schwieriger, als ich dachte. Ich hatte mir eingebildet, wir würden gemütlich am Fluss entlang nach Chamonix laufen. Doch da hatte ich mich gewaltig geschnitten. Es ging ständig hoch und runter. Vor allem das Teilstück zwischen Argentiere und Chamonix hatte es nochmal richtig in sich. Immer wieder ging es steil und unwegsam nach oben. Man konnte im Tal schon lange Chamonix sehen, aber es wollte einfach nicht runter gehen. Ich verabschiedete mich schliesslich von jeglichem Zeitziel und wanderte nun grossteils nach Hause. Ganze 3 Stunden habe ich für diese 14 km gebraucht. 

Knapp Nur die letzten 1.5 Kilometer waren auf einmal alle Kräfte wieder da. Als ich nach Chamonix einbog, die ersten jubelnden Menschen sah, lief ich wieder in lockerem Schritt, als wäre ich gerade los gelaufen. Der Einlauf in Chamonix war wirklich unglaublich, schon am Centre Sportif stehen die Menschen, die Massen wurden durch die Altstadt Richtung Ziel immer dichter und lauter. Ich war inzwischen ganz allein für mich, so dass ich alles in Ruhe geniessen konnte. Noch ein paar Kurven, aus dem Zielbereich hörte man schon Vangelis dröhnen, da stand Antje strahlend auf der Strecke. Was habe ich mich gefreut, sie zu sehen. Eine kräftige Umarmung, ein Kuss, dann sind wir zusammen weiter bis ins Ziel gelaufen. Der mit Sicherheit schönste Zieleinlauf meines Lebens. Nur der Marathon des Sables Zieleinlauf kann da annähernd mithalten.

Im Ziel musste ich mich erstmal hinsetzen und das ganze fassen. Erstmal sacken lassen. All die ganze Arbeit der letzten Monate hatte sich tatsächlich gelohnt. Der Körper, der Magen, die Muskulatur, sogar mein Oberschenkel, alles hatte mit gespielt. Naja, der Kopf manchmal nicht. All das, was ich mir über die letzten Wochen erträumt hatte war wahr geworden. 

170 km, 9700 hm, 40:48 h. Wahnsinn. 

Am Zielausgang schnappte bich mir die begehrte Weste, das Ziel aller Träume. Zugegeben, nicht meine Farbe, aber egal. 

Im Zielbereich trafen wir noch auf Sanne, Georg und Walter. Sanne hatte auch mit unserem Fotoapperat ein paar wirklich schöne Fotos geschossen. Vielen Dank. Wir verfolgten zusammen weiter die Zielankömmlinge und plauderten bei einem Bier ein bisschen über die Ereignisse der vergangenen 2 Tage. Nach einer halben Stunde verabschiedete ich mich zum Duschen ins Hotel. Eigentlich wollte ich danach wieder zurück an die Strecke kommen um mit den anderen Abend zu essen.  Doch als ich in der Badewanne lag, muss die Müdigkeit mich übermannt haben. Als Antje irgendwann ins Hotel kam, war ich gerade wieder aufgewacht und das Wasser war schon recht kühl. 

Wir haben dann leider niemanden mehr angetroffen und haben zu zweit ein leckeres Käsefondue verdrückt bevor mir so langsam die Augen zu fielen und wir zurück ins Hotel mussten. 

Dort trafen auf so langsam Nachrichten von den anderen ein. Leider hatten nicht alle so viel Glück wie ich. Andreas stieg bei km 21 aus, Michael mit Rückenschmerzen in Les Chapieux, Benno hat es in Courmayeur erwischt, Eric bei der Station im Wald vor Champex-Lac. Auch Hans-Peter Roden und Torsten Riemer, die ich unten gar nicht getroffen hatte sind leider nicht angekommen.  Besonders schlimm hatte es HaPe Gieraths getroffen, er hat sich beim Abstieg auf Champex das Kreuzband angerissen. Gute Besserung.
Aber zumindest Tom hat einen grandiosen Lauf mit 34:48 hingelegt. Ich hatte ihm prophezeit, er würde 5 Stunden schneller laufen als ich, nun waren es sogar deren 6. Auch Christoph aus Wien kam etwa 2 Stunden nach mir ins Ziel. Glückwunsch. 

Ich wünsche Euch allen eine gute Regeneration und viel Glück und Erfolg beim nächsten Lauf.
Wir werden uns mit Sicherheit bald wieder irgendwo über den Weg laufen.

Wenn nicht sogar in Chamonix.
Denn da muss wirklich jeder irgendwann hin – vielleicht sogar zweimal.


Ein paar Eindrücke vom Lauf gibt es hier: 

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Hallo Achim, total schöner, erlebnisreicher und beeindruckender Bericht mit Gäsenhautfeeling. Schöne Zeit und vielleicht bis nächstes Jahr in Chamonix.
LG Bettina & Armin aus Regensburg

calceola hat gesagt…

Hallo Achim,

Gratulation zu dem Lauf. Der Bericht zeigt genau den Menschen den ich beim RBW-Lauf kurz begleiten durfte. Erhol Dich und wir sehen uns bei der TTdR.